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Die Kasseler Sammlung Fiorino

Stempel Sammlung Alexander FiorinoStempel Sammlung Alexander Fiorino, MHK, Graphische Sammlung

Alexander Fiorino (Kassel 1842 – Kassel 1940) war eine herausragende Gestalt des Kasseler Kulturlebens und ein bedeutender Sammler und Mäzen. Er gründete 1885 das Bankhaus »Fiorino & Sichel« in Kassel. Daneben war er in vielen Vereinen, wie z. B. dem Verein für Hessische Geschichte und Landeskunde und dem Kasseler Museumsverein aktiv. Ebenso engagierte er sich für soziale Einrichtungen und unterstützte, sowohl finanziell als auch personell, jüdische Einrichtungen und Vereine.

Eine besondere Bedeutung fiel Fiorino als Eigentümer einer umfangreichen Sammlung von Kunstwerken althessischer Künstler und als Sammler hessischer Münzen zu. Er hielt engen Kontakt zu den Kasseler Museen. So schenkte er dem Hessischen Landesmuseum Kassel 1912 707 Blatt hessischer Porträts, Ansichten, Pläne usw. Unter anderem diese Schenkung bildete den Grundstock für das ab dem 4. Oktober 1931 öffentlich zugängliche Kupferstichkabinett als Teil der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel. Auch die Landesbibliothek Kassel profitierte von der Großzügigkeit Fiorinos. So schrieb deren damaliger Direktor Dr. Wilhelm Hopf: »Besonders hervorzuheben ist die Schenkung des Privatmanns Alexander Fiorino in Kassel, der im Jahre 1917 eine außerordentlich wertvolle, reichhaltige Sammlung hessischer Urkunden und Schriftstücke aus dem Nachlaß hessischer Fürsten und anderer Persönlichkeiten, darunter 65 Briefe der Brüder Grimm überwies.«

Seine beeindruckende Münzsammlung gab Fiorino in zwei Teilen 1917 über das Auktionshaus Sally Rosenberg in Frankfurt am Main zur Versteigerung. 1918 erwarb das Hessische Landesmuseum Kassel 36 Münzen von Fiorino. Ebenfalls in den Jahren 1917 und 1918 erhielt das Museum als Geschenk von Fiorino auch einige Münzen, Medaillen und Stempel. 1927 setzte Fiorino sich zur Ruhe. 1931 ging das Bankhaus »Fiorino & Sichel« in Liquidation. Vermutlich Ende 1938 oder Anfang 1939 wurde die Sammlung Fiorino in das Hessische Landesmuseum in Kassel zur Sicherungsbewahrung gebracht, um sie vor einer möglichen Ausfuhr zu »schützen«. Von da an begannen die Überlegungen, welche der Kunstwerke von den Staatlichen Kunstsammlungen Kassel erworben werden sollten. Da eine Ratenzahlung vereinbart wurde, zogen sich diese Überlegungen und die Zahlungen über den Tod von Alexander Fiorino am 1. Mai 1940 hinaus bis in den April 1941. Zu jedem Objekt der Sammlung wurde schon 1938 von einem unabhängigen Experten aus Frankfurt am Main ein Taxpreis festgelegt, der durchaus angemessen war. Allerdings haben die Staatlichen Kunstsammlungen nur 75% dieses Preises bezahlen müssen, insgesamt um die 20.000 RM. Diese Summe ging an das Finanzamt Kassel zur Begleichung der sogenannten Judenvermögensabgabe.

Medaille auf Alexander FiorinoMax Lewy, Medaille auf Alexander Fiorino, 1917, MHK, Sammlung Angewandte Kunst

Einen kleinen Teil der Kunstsammlung bekam die in der Schweiz lebende Tochter Fiorinos auf Antrag ihres Rechtsanwaltes, der damit argumentierte, das es sich um Werke handelt, die »von nichtarischen Künstlern stammen bezw. nichtarische Personen darstellen«. (Brief von Alfred Dellevie an den Oberfinanzpräsidenten der Devisenstelle Kassel vom 10. Januar 1941) Einige Gemälde und Miniaturen wurden von den Staatlichen Kunstsammlungen Kassel an das Goethe-Nationalmuseum in Weimar und Privatsammlern aus Kassel verkauft. Der große Rest wurde bei Georg Horn in Kassel und bei C. G. Börner in Leipzig versteigert. Zu diesem Teil der Sammlung gibt es keine detaillierten Listen, keine Katalogeinträge und keine Verkaufsbelege, so dass er als verschollen gilt. Der Antrag der Familie auf Entschädigung für die im Kunsthandel verkauften, aber nicht einzeln benennbaren Kunstwerke gestaltete sich daher sehr aufwendig und endete 1963 mit einem Vergleich der Parteien.

Schon 1953 wurde das Rückerstattungsverfahren zur Kunstsammlung Fiorinos, die sich in der Staatlichen Sammlung befand, mit einem Vergleich abgeschlossen. Der Hessischen Treuhandverwaltung GmbH, als Rechtsnachfolgerin der JRSO gegen das Land Preußen, wurde die Sammlung 1954 zurückerstattet. Danach hat sie die Sammlung dem Land Hessen für 10.000 DM verkauft. 1957 wurde der Erbengemeinschaft Fiorino der gesamte Schaden, der durch Zahlung von Sonderabgaben (hier der Judenvermögensabgabe) verursacht wurde, finanziell entschädigt. 1994 fand in der Neuen Galerie in Kassel eine Ausstellung mit dem Titel »Die Kasseler Sammlung Fiorino« statt. Bei dieser Gelegenheit wurde ausgiebig auf das Leben Alexander Fiorinos und auf die Geschichte seiner Sammlung eingegangen.

Eine Publikation, die in den Museumsshops der MHK erhältlich ist, begleitete die Ausstellung:
Die Kasseler Sammlung Alexander Fiorino. Ausstellungskatalog bearbeitet von Wolfgang Adler u. Otmar Plaßmann. Kassel 1994.